Die Welle
Während der Projektwoche, die sich mit Staatsformen auseinandersetzt, startet Gymnasiallehrer Wenger ein gewagtes Experiment: Durch die Meinung eines Schülers, heutzutage sei die Gesellschaft für diktatorische Systeme zu aufgeklärt, inspiriert, ruft er "Die Welle" ins Leben. Die Schüler seiner Projektklasse sollen durch Disziplin und Gemeinschaft lernen, wie stark und schnell eine autokratische Bewegung heranwachsen kann. Nach und nach wird "Die Welle" zu einem Selbstläufer, der immer mehr Schüler auch außerhalb des Projektes verfallen. Die Starken der Gemeinschaft erheben sich über die Schwachen, die sich dem Experiment verweigern und Wenger verliert die Kontrolle über sein eigenes Führersystem.

In einer Zeit, die sich durch Ängste und soziale Unsicherheit charakterisiert, scheint der Gedanke, dass eine klar definierte Gemeinschaft unter korrekter Führung zu einer wahren Bewegung erstarken kann, nicht einmal allzu abwegig. Ein Wir-Gefühl wird anfangs sicherlich kein Unbehagen auslösen, sondern wahrscheinlich von den meisten als warme Umarmung begrüßt. Ist so eine Gemeinschaftsstruktur erst einmal herangewachsen, von den Tragenden akzeptiert und mit klarer Linie geführt, sind selbsterhalterische Züge nicht mehr fern. Ein Symbol verdeutlicht den Schritt zu einem großen Ganzen, auf das man stolz sein kann. Führerkult? Ausgrenzung Andersdenkender? Infolgedessen Kontrollverlust? Alles denkbare Konsequenzen einer solchen Bewegung, wenn Sie mich fragen. Die Erfahrungen des Dritten Reiches, sagen wir immerfort, wird verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt. "Die Welle" zeigt, dass Geschichte im Kleinen beginnt und wachsen kann.

Die Adaption des Romans von Morton Rhue aus dem Jahre 1981 wurde mit Jochen Vogel in der Hauptrolle in die Jetztzeit verlegt. Schauplatz ist nunmehr ein deutsches Gymnasium - pikanter noch als im Original, da hier das Thema Nationalsozialismus größere Wellen schlägt. Regisseur Dennis Gansel zeigt in scharf geführten Bildern und in Szenen, in denen "Die Welle" Formen annimmt, mit kühler Ästhetik, wie sich das Experiment verselbstständigt und diktatorische Züge annimmt. Vogel in der Rolle des Lehrer Wenger ist wie so oft ein Glücksgriff, denn kaum einer versteht es mehr den rebellischen Außenseiter zu mimen als er. Besser hätte mir wohl nur noch der verstorbene Ulrich Mühe zugesagt, denn ihm hätte ich die Führerfigur noch intensiver zugetraut. Die junge Garde um Vogel herum macht ihre Sache gut. Keiner spielt den anderen an die Wand, aber leider glänzt auch keiner wirklich. Es sind unter anderem die ruhigen Momente im Film, die ihn stark machen und dem Thema Gemeinschaftsstolz, das immer schwer an der Grenze zur Übertreibung zu halten ist, Ausdruck verleiht.

Bildquelle: Constantin Film

Kommentieren



morgenstern, Mittwoch, 9. April 2008, 18:01
Wir waren vor einigen Wochen drin. Danach musste ich erstmal wieder das Buch rauskramen, weil ich wissen wollt, ob es auch im Original ein solch krasses Ende gab. Saß zugegebenermaßen die ersten Minuten erstmal schweigsam im Kinosessel. Passiert mir selten bis nie. (Der Bär konnts kaum fassen- hey, sie kann auch mal die Klappe halten! *g*)
Vorm Kinosaal dann, standen drei Teenie-Mädels und hielten sich weinend in den Armen. Schockiert, aufgewühlt, wohl völlig überrannt von der Stimmung im allgemeinen.

nyxon, Mittwoch, 9. April 2008, 20:27
Ich habe den Film nur in den eigenen vier Wänden geschaut, aber so gespannt war ich schon lange nicht mehr gewesen. Ich bin ja Fan von solchen psychologisch griffigen deutschen Filmen.
Das letzte Oho-Erlebnis im Kino bei einem deutschen Film hatte ich bei "Das Experiment" - danach konnte ich weder über den Film diskutieren, noch großartig den Abend genießen.