Donnerstag, 22. März 2007
Die Seelenfänger - Teil 6
Teil 1 - Anlaufschwierigkeiten
Teil 2 - Der erste Kontakt
Teil 3 - Die Marketingmaschinerie
Teil 4 - Wahrheit halb und halb
Teil 5 - Tiefendurchsuchung



Teil 6 – Männlein, teste dich!

Es erwarten mich 200 Fragen bzw. Behauptungen, die ich mit Zustimmung, Ablehnung oder einer neutralen, unentschlossenen Haltung beurteilen soll. Zwischendurch bin ich durchaus gespannt, was mir die Antwort auf Fragen wie „Singen oder pfeifen Sie oft einfach so zum Spaß?“ oder „Lassen Sie sich durch Kinder irritieren?“ über mich erzählen können. Geduldig mache ich meine Kreuzchen, lasse die Felder mit den persönlichen Daten aber absichtlich frei.

Auf meinen Hinweis, dass ich nicht wirklich an die Berechnung von Intelligenz und Persönlichkeit durch Tests glaube, bekomme ich die Antwort, dass dieser Test hier immer richtig liege und das auch wissenschaftlich erwiesen sei. Um zu schauen, ob es stimmt, kann man ja den Test zwei- oder mehrmals machen. Klar, würfelt man nur lang genug hat man natürlich irgendwann eine 6 dabei. Schein- oder Zufallskorrelation nennt sich das, erinnere ich mich aus meinem kümmerlichen, statistischen Wissen.

Es dauert ein paar Minuten, bis der Test ausgewertet ist. In der gegenüberliegenden Ecke sehe ich den sogenannten E-Meter stehen, der anhand von Energieströmen die menschliche Psyche erkennen soll. Auf den hatte ich mich eigentlich gefreut, aber man mutet mir heute wohl nur den Papiertest zu. Dieser soll wohl altersabhängig sein, denn ich werde nach meinen Lenzen gefragt, was mich kurz verunsichert. Seltsamerweise habe ich mir ein Geburtsdatum ausgesucht, aber nicht gelernt, wie alt ich damit jetzt sein müsste.

Ich führe mein Zögern auf die Verunsicherung, weshalb für einen Persönlichkeitstest das Alter ausschlaggebend sei, zurück und gebe es dann mit 26 an. Ich sitze mit dem Gesicht zur Wand gerichtet, kann den Bildschirm des PC nicht einsehen, aber mir kommt es so vor, als zähle man einfach nur die Anzahl der Zustimmungen, Ablehnungen und neutralen Haltungen durch und gäbe diese ein. Am Ende kommt aber dennoch ein hübsches Liniendiagramm aus dem Drucker, das mir meine Persönlichkeitsdefizite zeigt.

Ich bin eine äußerst stabile Person, habe feste Überzeugungen und bin sehr, sehr kritisch. Verantwortung weise ich gerne zurück, außerdem bin ich kaltherzig und zurückhaltend. Sagt der Test. Sagt die gute Frau, die mir gegenübersitzt und mir vorher prophezeit hat, es würde jetzt „richtig spannend“. Alles was oberhalb der Linie liege, sei gut, alles darunter seien die Defizite, erklärt sie mir noch mal die Grafik. „Wo sehen Sie denn jetzt Bedarf, sich zu verändern?“ Ja, wo sehe ich den? Wo möchte ich mein zweites Ich verbessern? Dass der Rechtspfleger keine Verantwortung übernehmen will, das kann ich nicht auf mir sitzen lassen. „In meinem Beruf muss ich schließlich für alles gerade stehen, was ich anordne“, erkläre ich leicht hilfebedürftig und ernte ein mildes Lächeln. Ja, dann sollte man doch dort ansetzen, meint man. Ich erkläre, dass ich mich aber gar nicht so einschätze, dass ich ein durchaus verantwortungsbewusster Mensch sei.

Das müsse sich nicht immer auf Großes beziehen, sondern könne auch auf kleine, unbedeutendere Dinge Einfluss haben. Das Hundesitting, zum Beispiel. Ich hätte doch erklärt, dass ich den Hund eigentlich nicht gerne mag und die Verantwortung nur gezwungenermaßen übernehmen würde, oder nicht? Ja, das hatte ich. Unterbewusst würde ich also die Verantwortung zurückweisen, bewusst aber annehmen, um das Gesicht zu wahren. Ich weiß also gar nicht genau, was ich über mich denke, sondern baue ein falsches Selbstbildnis auf. Na prima, dann haben wir ja mein Problem gefunden, denke ich und schaue hilflos drein.

„Was empfehlen Sie mir denn jetzt, wie ich das verbessern kann?“, frage ich. Man empfiehlt mir ein Seminar, um meine Persönlichkeit in Sachen Kommunikation und Verantwortungsbewusstsein zu stärken.


[...wird fortgesetzt]

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